
Saturday, June 27th
7:00 am to 3:00 pm
Zoom: https://www.bllv.de/termine/details/event/fachtagung-demokratiebildung-als-oberstes-bildungsprinzip-demokratie-lehren-und-leben
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Die Ludwig-Maximilians-Universität München, vertreten durch das Geschwister-Scholl-Institut für Politikwissenschaft mit der Lehreinheit Politische Bildung und Didaktik für Politik und Gesellschaft, organisiert gemeinsam mit dem größten bayerischen Lehrerverband, dem BLLV, eine wichtige Fachtagung für Lehrkräfte, Lehramtsstudierende sowie Fachpersonen aus dem Bildungssystem. Im Zentrum der Veranstaltung steht die Frage, wie Demokratiebildung am Lernort Schule nachhaltig gestärkt werden kann, insbesondere mit Blick auf die Professionalität von Lehrkräften.
Im Rahmen dieses Anlasses hat Relilab mit der Initiatorin der Fachtagung, Oberstudienrätin Havva Doksar, gesprochen. Als Lehrerin und Wissenschaftlerin engagiert sie sich insbesondere in den Bereichen Demokratiebildung, religiöse Vielfalt, gesellschaftlicher Zusammenhalt sowie transnationale europäische Dialog- und Verständigungsprozesse.
Im Gespräch gibt sie Einblicke in ihr pädagogisches und wissenschaftliches Selbstverständnis sowie in ihre Perspektiven auf eine zeitgemäße Demokratiebildung.
Wie definieren Sie Ihre Rolle als Lehrerin und Wissenschaftlerin im Kontext von Bildungsprozessen?
Doksar:
Meine Arbeit als Lehrerin und Wissenschaftlerin verstehe ich nicht allein als Vermittlung von Wissen und wissenschaftlicher Erkenntnis, sondern zugleich als pädagogische Verantwortung, Räume für Dialog, Orientierung und reflektierte Auseinandersetzung zu eröffnen. Der Unterricht erschöpft sich dabei nicht ausschließlich in der Weitergabe fachlicher Inhalte, sondern ist vielmehr ein demokratischer Gestaltungsraum, in dem junge Menschen in ihrer Urteilsfähigkeit, Selbstwirksamkeit und demokratischen Handlungskompetenz gestärkt werden. Pädagogische Arbeit sollte junge Menschen daher dazu befähigen, gesellschaftliche Entwicklungen reflektiert einzuordnen und verantwortungsvoll zu handeln. Gerade in Zeiten gesellschaftlicher Polarisierung und globaler Transformationsprozesse gewinnt diese Aufgabe besondere Relevanz.
Insbesondere im Rahmen meiner wissenschaftlichen Arbeit, sei es in Projekten oder im Kontext meiner Dissertation, ist es mir ein zentrales Anliegen, die Verzahnung von Theorie und Praxis konsequent in den Fokus zu rucken. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse verstehe ich als Grundlage fur einen reflektierten Transfer in padagogische Praxis und schulische Bildungsprozesse.
Welche Themen verbinden Sie konkret in Ihrer pädagogischen und wissenschaftlichen Arbeit?
Doksar:
Ich verbinde unterschiedliche Perspektiven, die fur mich in einem engen inhaltlichen Zusammenhang stehen: Demokratiebildung, religiöse Vielfalt, gesellschaftlicher Zusammenhalt sowie transnationale europäische Verständigungsprozesse. Im Zentrum meines Interesses steht dabei die Frage, wie pädagogische und wissenschaftliche Perspektiven zusammengeführt werden können, um Bildungsprozesse in gesellschaftlich pluralen Kontexten konstruktiv zu gestalten und die digitalen Lebenswelten junger Menschen als zentrale Erfahrungs- und Sozialisationsräume angemessen zu berücksichtigen.
Ich vertrete ein Verständnis moderner pädagogischer Professionalität, das fachliche Kompetenz mit Empathie, wissenschaftliche Reflexion mit gesellschaftlicher Anschlussfähigkeit sowie Autorität mit tragfähiger Beziehungsgestaltung verbindet und verantwortungsvolle sowie verlässliche Orientierung und Begleitung ermöglicht.
Welche Bedeutung hat Ihrer Meinung nach Demokratiebildung in der heutigen Zeit fur junge Menschen?
Doksar:
Junge Menschen sind nicht nur die Gesellschaft von morgen, sondern bereits Teil der gesellschaftlichen Gegenwart und ihrer demokratischen Prozesse. Ein zentrales Ziel von Demokratiebildung sollte es daher sein, junge Menschen dazu zu befähigen, ihre Rolle in Gegenwart und Zukunft aktiv wahrzunehmen und zugleich Räume für Perspektiven zu öffnen, die im gesellschaftlichen Diskurs bislang häufig unterrepräsentiert bleiben.
Demokratiebildung ist dabei für mich keine isolierte pädagogische Einzelaufgabe, sondern vielmehr eine Querschnittsaufgabe mit gesamtgesellschaftlicher Relevanz. Fragen, zum Beispiel zur Vermittlung demokratischer und rechtsstaatlicher Prinzipien sowie zum interkulturellen und interreligiösen Dialog erfordern Austausch, Zusammenarbeit und die interdisziplinäre Vernetzung unterschiedlicher fachlicher Perspektiven. Nachhaltige gesellschaftliche Entwicklungsprozesse entstehen dort, wo wissenschaftliche, pädagogische, politische und zivilgesellschaftliche Perspektiven konstruktiv zusammengeführt werden.
Abschließend gefragt: Welches Bildungsverstandnis braucht eine sich wandelnde Gesellschaft?
Doksar:
Bildung erschöpft sich nicht in der Vermittlung vorgefertigter Antworten, sondern setzt vielmehr die kontinuierliche Reflexion der eigenen Professionalität sowie die bewusste Einbeziehung der Lebenswelten und Perspektiven junger Menschen voraus. Dazu gehört insbesondere, die jeweiligen sozialen Rahmenbedingungen und Bezugskontexte, in denen Kinder und Jugendliche aufwachsen und sich bewegen, systematisch in pädagogische Reflexion und pädagogisches Handeln einzubeziehen. Ein zeitgemäßes Bildungsverständnis bedeutet aus meiner Sicht zudem, junge Menschen dazu zu befähigen, Ambivalenzen und Differenzen auszuhalten, kritisch zu reflektieren sowie demokratische Diskurs- und Konfliktfähigkeit zu entwickeln. Denn die Zukunft der Demokratie wird nicht nur in Parlamenten, sondern auch in Klassenzimmern gestaltet.
Vielen Dank für das Gespräch.
Die gemeinsame Fachtagung der LMU Munchen und dem BLLV und der Ludwig-Maximilians- Universität München findet am 27.06.2026 in München statt.
Weitere Informationen zur Veranstaltung sowie zur Anmeldung finden Sie hier: Fachtagung „Demokratiebildung als oberstes Bildungsprinzip“: Demokratie lehren und leben | BLLV: Fur Lehrerinnen und Lehrer in Bayern
Wie kann Demokratiebildung im Schulalltag gelingen? Welche Chancen bietet die Verfassungsviertelstunde für den Unterricht? Und welche Rolle spielt Schule als demokratischer Lebensraum?
Weitere Veranstaltungen mit unserer Interviewpartnerin Havva Doksar im Kontext von Relilab finden Sie hier: Demokratiebildung im interreligiosen Kontext – relilab